Die letzten Riesen des Atlasgebirges

© Florian Divi - Die letzten Riesen des Atlasgebirges
Ein Jahrhunderte alter Zedernwald im Nationalpark Ifrane im Mittleren Atlas von Marokko. 600 Jahre und älter sind die einzigartigen Riesen, die teils über 40 Meter hoch und mehr als 2 Meter breit gewachsen sind. In der Zwischenzeit belädt eine Truppe von Arbeitern einen Laster mit frisch gefälltem Zedernholz …


Ein Jahrhunderte alter Zedernwald im Nationalpark Ifrane im Mittleren Atlas von Marokko. 600 Jahre und älter sind die einzigartigen Riesen, die teils über 40 Meter hoch und mehr als 2 Meter breit gewachsen sind. In der Zwischenzeit belädt eine Truppe von Arbeitern einen Laster mit frisch gefälltem Zedernholz …

 


Der Durchmesser der Bäume liegt teils bei über 2 Meter.

 

Keine 20 Minuten hat es gedauert und ein Jahrhunderte alter Baumriese fällt mit lautem Krachen zu Boden. Sie sind die ältesten und größten Zedern des Landes und zusammenhängend als Zedernwald nur noch im Atlasgebirge von Marokko anzutreffen. Das Zerhacken und Zersägen der Stämme dauert dann schon den ganzen Tag. Mit Eisenkeil und Vorschlaghammer werden die großen Stämme gespalten und anschließend mit vereinter Kraft händisch auf den Laster gehoben. Täglich transportieren LKWs die wertvolle Fracht zu einer nahegelegenen Holzfabrik zur weiteren Bearbeitung.


Der Baumstumpf einer vor kurzem gefällten massiven Zeder.


Mit Eisenkeil und Vorschlaghammer werden die großen Stämme gespalten und anschließend von einer Truppe von Arbeitern mit vereinten Kräften händisch auf den LKW gehoben.

 

Je nachdem wen man fragt, erhält man unterschiedliche Antworten über die weitere Verwendung des Zedernholzes. Die Förster des Nationalparks antworten, dass das Holz nur international verkauft werden darf und für die Möbelherstellung sowie für Schnitzereien verwendet wird. Der aus dem Berber-Dorf Ain Leuh عين اللوح stammende Mann namens Hesam meint hingegen, dass das Holz oft als Brennstoff für die Dorfbevölkerung verwendet wird. Von einem dritten bekomme ich zu hören, dass das Holz illegal an internationale Großkonzerne verkauft wird.


Der Nationalpark Ifrane ist auch das Habitat für den stark gefährdeten Berberaffen. An verschiedenen Tagen zogen die Primaten in größeren Gruppen friedlich an unserem Zeltplatz vorbei.


Noch steht der Urwald von außen betrachtet eindrucksvoll da. Doch der Abbau der Hölzer findet verborgen weiter innen im Wald statt.

 

Die Förster des Nationalparks erklären uns, dass sie die großen, “toten” Bäume mit Nummern markieren und damit zum anschließenden Fällen freigeben, damit die jüngeren Bäume geschützt sind und besser wachsen können. Das gesamte Gebiet ist in Parzellen aufgeteilt und die Holzfällertrupps werden sukzessive in den Wald hinein geführt. Den Förstern und somit “Hütern des Nationalparks” machen viel eher die Schafhirten mit der von ihnen verursachten Überweidung Sorgen/Schwierigkeiten, die die jungen Triebe und Äste der Jungbäume abbrechen um ihre Schafherden mit frischem Futter zu versorgen.


Frisch mit der Motorsäge gefällte Zedern. Gut zu erkennen sind die von den Förster angebrachten Nummerierungen, die auf fast allen größeren Bäumen zu finden sind und die schlechten, “toten” Bäume markieren sollen. Die Bäume mit den Nummern sind für das Abholzen frei gegeben.


Rund 2 Meter Durchmesser misst dieser Baumstumpf. Die Zedern im Hintergrund sind markiert und werden demnächst der Motorsäge zum Opfer fallen.


Manche Baumstämme sind regelrecht hohl und werden dann in kleine Stücke zerhackt. Sie dienen als Material für Schmuckkästchen oder als Brennstoff.

 

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Ancient Cedar Forest in the Middle Atlas of Morocco

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Ancient Cedar Forest in the Middle Atlas of Morocco 33.247795, -5.232294

Ausschnitt aus dem Gebiet des Ifrane Nationalparks und der exakte Ort, wo wir für mehrere Wochen unser Zelt aufgeschlagen hatten. Die Fotos von den Bäumen sind in der unmittelbaren Umgebung der Kartenmarkierung entstanden. Gut zu erkennen sind auch die baumlosen, verödeten Flecken Erde, die bereits einer schamlosen Forstwirtschaft zum Opfer gefallen sind.

 

Marokko ist ein wunderbares Land und die Menschen sind ausgesprochen freundlich. Auch kenne ich nicht die komplizierten Beziehungen der verschiedenen Gesellschaftsschichten und Gruppen untereinander oder die bestehenden Traditionen der einheimischen Bevölkerung. Aber was ich leider beobachtet habe ist, dass ein wunderbarer Urwald – so wie ich ihn noch nie in Europa angetroffen habe – Stück für Stück, LKW für LKW, Tag für Tag, abgeholzt und zerstört wird. Dabei ist dieses Gebiet als Nationalpark  ausgewiesen!

Ich möchte hiermit auf diesen Umstand aufmerksam machen und zu einer anderweitigen Nutzung des Urwaldes aufrufen. Die Schwierigkeiten einer fairen zB touristischen Nutzung seien dahingestellt (wie zB ein profitables, alternatives Einkommen der Holzarbeiter und der einheimischen Bevölkerung aussehen könnte, die direkt vom Wald abhängig sind). Dafür bitte ich Profis und Organisationen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen und die nötige Erfahrung mitbringen, ihr Wissen und Können einzubringen und Druck auf die verantwortlichen Personen auszuüben.

Direkt vor den Toren Europas stellt dieser Wald ein ökologisches Juwel dar, in dem noch alte Atlaszedern in einem größeren Waldbestand erlebt werden können und die stark gefährdeten Berberaffen (diese sind die letzten frei lebenden Primaten Europas) einen (Über-)Lebensraum finden. Es wäre ein tragischer Verlust für uns alle, wenn dieser  jahrhundertealte Zedernwald in den nächsten Jahren für immer verloren gehen würde.

 

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Eine unerwartete Wahrnehmung machte ich nach ca. 1 Woche inmitten des Zedernwaldes:
Zu Beginn meines Aufenthaltes kam ich nicht aus dem Staunen heraus und bewunderte die gigantische Größe der Bäume, doch ungefähr am 10ten Tag änderte sich schlagartig meine Wahrnehmung. Plötzlich konnte ich die auߟerordentliche Größe der Zedern nicht mehr wahrnehmen und mein Gehirn vermittelte mir die Empfindung in einem Wald zu stehen, so wie ich ihn bei mir zu Hause her von Österreich gewohnt war. Auch die Wahrnehmung meiner Mitreisenden hatte sich sprunghaft verschoben. Obwohl mir die plötzliche Änderung meiner Wahrnehmung vollkommen bewusst war, konnte ich sie nicht mehr auf den urspünglichen Eindruck zurück verschieben (sofern dies überhaupt möglich ist) – von nun an nahm ich die Größe der Bäume trotz gegenteiligem Wissen als “normal” wahr.
Nun kann ich auch verstehen wie Arbeiter, die tagein tagaus in einem Wald von Baumriesen arbeiten, mit der Zeit den Respekt vor diesen Giganten verlieren.


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