Franziska Liepe über den Weg in die Selbstständigkeit als Fotografin


© Franziska Liepe

 

Florian: Welchen Schwierigkeiten bist Du begegnet, als Du dich für die Selbstständigkeit als Fotografin entschieden hast?

Franziska: Am besten fange ich mal so an: Wer glaubt, ein Fotograf muss nur gut fotografieren können, der irrt gewaltig. Und genau das musste ich früh feststellen. Jeder Fotograf ist ein kleines EinMann bzw. EinFrau-Unternehmen, das die Finanz-, Marketing-, Kreativ-, Produktions-, Organisations- und Kundenabteilung in einem vereint – in jedem größeren Unternehmen sitzen für diese jeweiligen Abteilungen speziell dafür ausgebildete Leute.

Ein Fotograf hingegen muss selbst seine Aufträge kalkulieren, akquirieren, organisieren, ein Timing erstellen, ein Produktionsteam zusammensuchen und briefen usw. Erst dann kann er fotografieren. Und nach dem Fotografieren folgt die Nachbereitung, die Bildbearbeitung, die Rechnungsstellung und die Kundenbetreuung. Fazit dieser Auflistung ist: das Fotografieren nimmt  einen kleinen Teil der Gesamtzeit in Anspruch, aber nur darin hat ein Fotograf seine Ausbildung (vorausgesetzt er/sie ist kein Quereinsteiger). Und das war mir vorher auch nicht bewusst.

 

Florian: Gibt es denn keine Kurse auf der WKO, den Unis oder Fotokollegs, die einen auf die geschäftlichen Bereiche aufmerksam machen?

Franziska: Während meiner Ausbildung am Fotokolleg wurde Marketing und Wirtschaft unterrichtet, doch waren die behandelten Themen im Bereich Marketing meiner Meinung nach zu theoretisch. Einiges habe ich im Fach Wirtschaft als kleine Vorbereitung mitnehmen können, wie man allerdings z.B. Kalkulationen erstellt, wurde nicht vermittelt. Während der Ausbildung sieht man aber auch nicht die Wichtigkeit dieser Thematik, sondern zieht manchmal eher den Schlaf vor, als morgens um 8 Uhr in einer BWL-Vorlesung zu sitzen. Wie man Offerte aufsetzt und Verhandlungen führt lernt man erst in der Praxis. Und das geht auch nicht in zwei Monaten, sondern ist ein ständiger Lernprozess.

Es gibt sicher Kurse an diversen Fotokollegs, der WKO, der POP-Akademie und an der Universität, die zusätzlich angeboten werden und speziell auf nur diese Inhalte eingehen, das hatte ich selbst aber nie recherchiert.

Kurz zurück zu meinem Anfang. Das Wichtigste ist natürlich, dass ein Fotograf sein Handwerk beherrscht. Denn dieser Beruf bedeutet, sich nicht nur selbst und auch ständig zu beweisen, sondern auch sich gegen andere Fotografen behaupten zu können.


© Franziska Liepe – “Hard Area” Series

 

Florian: Wie lange hast Du am Anfang gebraucht um heraus zu finden, welchen Betrag Du für deine Arbeiten verlangen darfst?

Franziska: Das kann ich nicht sagen, die Richtlinien der WKO sind jedenfalls praxisfern. Ich habe von Ratschlägen anderer Fotografen mit jahrzehntelanger Erfahrung gelernt, sowie dank einer guten Zeitkalkulation, wie viel Aufwand der jeweilige Job insgesamt mit sich bringt. Als Tipp kann ich geben, sich eine eigene Preisliste zu machen. Und dabei darf man nie vergessen: wie viel darf, kann und sollte ich für meine Arbeiten verlangen.

 

Florian: Was hätte Dir persönlich geholfen, um schneller finanziell erfolgreich in die Selbstständigkeit zu starten?

Franziska: Ideal wäre ein Startkapital: Das hatte ich natürlich wie so viele andere nicht, und so habe ich mit meiner Assistentenzeit und dann mit jedem größeren Fotoauftrag mein komplettes Equipment, angefangen von Computer über Licht und Kameraausrüstung, Stück für Stück finanziert.

 

Florian: Was raten einem die alten Hasen, um die anfänglichen Hürden zu finanziellem Erfolg im Fotografie-Business aus dem Weg zu räumen?

Franziska: Machen, machen, machen. Testen, Homepage, Netzwerk ausbauen, Akquise und Rechnungen schreiben nicht vergessen, eigene Projekte umsetzen, viel ausprobieren, Kontakte nutzen …
Wie gut das Fotografie-Business laufen wird ist nicht kalkulierbar, es wird auch nach vielen Jahren der Berufserfahrung immer Zeiten geben, die auch wieder mal schlecht laufen können. Mir wurde gesagt, es dauert 5-8 Jahre die Selbständigkeit aufzubauen und bis sich der finanzielle Erfolg einstellt. Eine Garantie gibt es aber nie.


© Franziska Liepe – “Danish Wieck” Series

Florian: Vielen Dank, dass Du mit uns deine Erfahrungen geteilt hast!

 

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Florian Divi und Fotograf Claudius Schulze haben den Workshop “My Photographs – My Money?!” erarbeitet. Er soll jungen Fotografen die Möglichkeit bieten, Einblicke für Marketing im Web 2.0, Crowd-Funding, das Herantreten an Verlage, Copyright or CC etc. zu bekommen und direkt Fragen an den Fotografen zu stellen.


Aktueller Workshop “My Photographs – My Money?!”  mit Claudius Schulze,
und auch auf Facebook!


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